Vereine, Initiativen,
Parteien, Gewerkschaften, Kirchengemeinden – viele Organisationen beklagen sich
über Mitgliederrückgang, Überalterung und mangelndes Interesse. Dabei gibt es
immer wieder Gegenbeispiele. Ich möchte in dieser Artikelreihe auf Beispiele
hinweisen, wo entgegen allgemeiner Tendenz Gemeinschaftsbildung funktioniert.
Das erste Beispiel ist die
Lutherkirche in der Kölner Südstadt. Hier ein Auschnitt aus einem Artikel in
der WELT vom 20.04.2014
Doch Kirchen kriegt man auch anders voll. Das beweist
Hans Mörtter, der in der Kölner Südstadt 1998 bei seinem ersten Gottesdienst in
der Lutherkirche nur 23 Besucher vorfand, heute aber bis zu 300 anlockt.
Mörtter hat entrümpelt. Orgel, Uraltchoräle und Liturgie mit
Sitz-steh-sitz-Regeln und Wechselgesängen wurden weitgehend ausgemustert.
Ebenso das Glaubensbekenntnis mit Jungfrauengeburt und Himmelfahrt. In seinen
Predigten meidet Mörtter "alte niederdrückende Lehren wie die vom stellvertretenden
Sühnetod oder vom Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt". Aber was
bleibt dann?
Das pralle Leben, meint der Sohn eines rheinischen
Metzgers und einer frommen Schwäbin. Erst die Entrümpelung schaffe ja Raum für
eine "menschennahe Spiritualität". Unter diesem Motto setzt er nicht
nur auf betont eingängige Musik: Gospel,Pop,
Taizé-Gesänge. Mörtter lässt in seiner Kirche auch viel und gern Menschen
aufmarschieren, damit sie die Besucher zu Gottvertrauen ermutigen oder für die
Nöte ihrer Nächsten sensibilisieren. Gatte und Sohn einer jüngst Verstorbenen
erzählen, wie die Hoffnung auf ein Wiedersehen bei Gott sie durchs Leid trage.
Eine alleinerziehende Hartz-IV-Bezieherin schildert der Gemeinde unter Tränen
die Sorgen und Demütigungen ihres Alltags.
Mörtter hat aber auch komplette Gottesdienstformate
erfunden – die der Gemeinde bei Konservativen den Ruf einer kirchlichen
"Hafenstraße" eintrugen. Etwa den Karnevalsgottesdienst, bei dem
Kostümierte mit karnevalesken Gesängen ihren Schöpfer preisen. Anschließend:
Fete rund um den Altar. Dort wurden auch schon WM-Spiele der deutschen
Fußballmannschaft mit Bier und schwarz-rot-goldenen Fahnen gefeiert. Oder der
Talk-Gottesdienst: Hier beleuchten Prominente die Flüchtlingstragödie im Mittelmeer oder
das Leid der Palästinenser. In Salbungsgottesdiensten wird Menschen die Hand
aufgelegt, während man für sie betet. Schließlich die Tango-Gottesdienste: Hier
tanzen Profis, aber auch die Gläubigen mehr oder weniger elegant durch die leer
geräumte Kirche, um sich ein Thema in der Bewegung zu erschließen. Zuletzt ging
es um Vertrauen. Erst verließen sich die Frauen beim Tango auf die Führung des
Mannes, dann ließen die Männer sich von ihren Frauen führen, und gemeinsam
versuchten sie zu spüren, wie sich das anfühlt. Kirche als Trainingslager für
Gottvertrauen. Wenn das halbwegs funktioniere, meint Mörtter, dann habe Kirche
wohl nicht alles falsch gemacht.
Mörtter hat sich von
angestaubten Traditionen verabschiedet und geht offen auf Menschen und ihre
Bedürfnisse zu. Er organisiert Veranstaltungsformate, die in Kirchen eher selten
anzutreffen sind. Er ist ein Facilitator, wie ich ihn an anderer Stelle
beschrieben habe.
Selbst die an kirchlichen
Leben sonst nicht besonders interessierte taz schrieb über Ihn:
Ein traditioneller Kirchenmann ist Hans Mörtter nicht. Der
umtriebige Südstadt-Pfarrer pflegt in seinen Gottesdiensten in der Kölner
Lutherkirche die offene Form. Statt Predigten zuzuhören, animiert er seine
Gemeindemitglieder zum Gespräch, das meist ein nächstes nach sich zieht, etwa
über die drohende Abschiebung einer Flüchtlingsfamilie aus ihrer Mitte, die Not
der wachsenden Zahl von Obdachlosen oder die jüngste "Achse-des
Bösen"-Tirade des "christlichen Gotteskämpfers" George W. Bush.
Nicht wenige, die sich seit Jahrzehnten zur Gemeinde zählen, graust es vor
Mörtters Liturgien. Andere nehmen sogar den Weg aus dem Bergischen auf sich,
wenn, wie in diesem Herbst, mal wieder ein Tango-Gottesdienst auf dem Programm
steht, bei dem hemmungslos getanzt, zugleich aber auch das Thema Folter nicht
außen vor bleiben wird.
Ein solches Beispiel lässt
sich nicht eins zu eins kopieren und auf andere Organisationen übertragen. Doch
es lohnt sich, die Erfolgsfaktoren im Einzelnen anzuschauen und daraus zu
lernen. Und es beweist. Gemeinschaftsbildung kann durchaus entgegen dem Trend
funktionieren.