Donnerstag, 5. November 2015

Erfolgreiche Gemeinschaftsbildung: 3. Weißes Dinner

Gemeinsam essen verbindet. Doch wer hat im Restaurant schon Kontakt zu anderen Gästen? Etwas anderes sind große gemeinsame Dinner. Entstanden ist die Idee in Frankreich, mittlerweile gibt es dies in mehreren europäischen Städten. Seit drei Jahren auch in Oberhausen. Alles wird mitgebracht und mit den Nachbarn geteilt, künstlerische Events begleiten den Abend:

Der Abend ist lau, manchmal zieht leicht der Wind über die Tische, die den Saporishja-Platz am Samstag in eine riesige Picknick-Fläche verwandeln. Rund 200 Menschen packen ihre Teller aus, füllen Gläser und verfrachten aus geflochtenen Körben den Inhalt breiter Plastikdosen auf die Teller. Das „Weiße Dinner“ gibt die Garderobe vor. Einheitlich schimmert der helle Stoff manchmal in der Abendsonne. Doch farblos ist das nicht.


Erfolgreiche Gemeinschaftsbildung: 2. Die Dorfkümmerer

Gemeinschaftsbildung funktioniert, wenn sich jemand „kümmert“. Das, was früher vielleicht aus sich heraus funktionierte, benötigt heute oft einen Anschub.

Ein solches Projekt gibt es in Brandenburg. Die Dörfer leiden unter Landflucht. Das Land Brandenburg reagierte mit einem Projekt „Dorfkümmerer“. Solche Kümmerer sind Menschen im Alter von 55+, die sich ehrenamtlich für ihre Dörfer einsetzen und gemeinsam mit den Bewohnern spannende Projekte starten. Wichtig ist, dass sie es „gut mit den Leuten können“ als Ansprechpartner da sind und auch Ansprechpartner suchen. Also typische Netzwerker. Das kann man lernen. Die Dorfkümmerer bekamen eine Ausbildung in Moderationstechniken und wurden dann losgeschickt, um Leute mit guten Ideen zu finden.

Während Else legt, brütet Ulrike Macht über neue Ideen für ihr Dorf. Seit knapp einem Jahr ist sie eine von acht sogenannten Dorfkümmerern in Brandenburg. Die sollen mit Unterstützung einer Beratungsfirma und mit Geldern aus dem Europäischen Sozialfonds dabei helfen, das Dorfleben wieder attraktiver zu machen, auch für junge Leute. Sonst leben in Flieht und anderswo in der Uckermark bald nur noch Greise. 

Ulrike Macht geht als Dorfkümmerin von Tür zu Tür, sammelt die Wünsche und Ideen der Bewohner, lädt zu Versammlungen, die sie moderiert, und berät diejenigen, die gerne etwas auf die Beine stellen wollen, um das Leben auf dem Land zu verbessern. Das ist der Arbeitsauftrag. Ulrike Macht erinnert sich, dass vor einem Jahr alles mit einer Einladung in der Lokalpresse anfing: 

"Und da sind von den etwa 650 Einwohner der Gesamtgemeinde ... sind etwa 15 dagewesen, das finde ich, ist schon ein guter Prozentsatz. Und was ich besonders begeisternd finde, es sind schon zwei Projekte entstanden."



Erfolgreiche Gemeinschaftsbildung: 1. Eine Kirchengemeinde in Köln

Vereine, Initiativen, Parteien, Gewerkschaften, Kirchengemeinden – viele Organisationen beklagen sich über Mitgliederrückgang, Überalterung und mangelndes Interesse. Dabei gibt es immer wieder Gegenbeispiele. Ich möchte in dieser Artikelreihe auf Beispiele hinweisen, wo entgegen allgemeiner Tendenz Gemeinschaftsbildung funktioniert.

Das erste Beispiel ist die Lutherkirche in der Kölner Südstadt. Hier ein Auschnitt aus einem Artikel in der WELT vom 20.04.2014

Doch Kirchen kriegt man auch anders voll. Das beweist Hans Mörtter, der in der Kölner Südstadt 1998 bei seinem ersten Gottesdienst in der Lutherkirche nur 23 Besucher vorfand, heute aber bis zu 300 anlockt. Mörtter hat entrümpelt. Orgel, Uraltchoräle und Liturgie mit Sitz-steh-sitz-Regeln und Wechselgesängen wurden weitgehend ausgemustert. Ebenso das Glaubensbekenntnis mit Jungfrauengeburt und Himmelfahrt. In seinen Predigten meidet Mörtter "alte niederdrückende Lehren wie die vom stellvertretenden Sühnetod oder vom Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt". Aber was bleibt dann?
Das pralle Leben, meint der Sohn eines rheinischen Metzgers und einer frommen Schwäbin. Erst die Entrümpelung schaffe ja Raum für eine "menschennahe Spiritualität". Unter diesem Motto setzt er nicht nur auf betont eingängige Musik: Gospel,Pop, Taizé-Gesänge. Mörtter lässt in seiner Kirche auch viel und gern Menschen aufmarschieren, damit sie die Besucher zu Gottvertrauen ermutigen oder für die Nöte ihrer Nächsten sensibilisieren. Gatte und Sohn einer jüngst Verstorbenen erzählen, wie die Hoffnung auf ein Wiedersehen bei Gott sie durchs Leid trage. Eine alleinerziehende Hartz-IV-Bezieherin schildert der Gemeinde unter Tränen die Sorgen und Demütigungen ihres Alltags.
Mörtter hat aber auch komplette Gottesdienstformate erfunden – die der Gemeinde bei Konservativen den Ruf einer kirchlichen "Hafenstraße" eintrugen. Etwa den Karnevalsgottesdienst, bei dem Kostümierte mit karnevalesken Gesängen ihren Schöpfer preisen. Anschließend: Fete rund um den Altar. Dort wurden auch schon WM-Spiele der deutschen Fußballmannschaft mit Bier und schwarz-rot-goldenen Fahnen gefeiert. Oder der Talk-Gottesdienst: Hier beleuchten Prominente die Flüchtlingstragödie im Mittelmeer oder das Leid der Palästinenser. In Salbungsgottesdiensten wird Menschen die Hand aufgelegt, während man für sie betet. Schließlich die Tango-Gottesdienste: Hier tanzen Profis, aber auch die Gläubigen mehr oder weniger elegant durch die leer geräumte Kirche, um sich ein Thema in der Bewegung zu erschließen. Zuletzt ging es um Vertrauen. Erst verließen sich die Frauen beim Tango auf die Führung des Mannes, dann ließen die Männer sich von ihren Frauen führen, und gemeinsam versuchten sie zu spüren, wie sich das anfühlt. Kirche als Trainingslager für Gottvertrauen. Wenn das halbwegs funktioniere, meint Mörtter, dann habe Kirche wohl nicht alles falsch gemacht.


Mörtter hat sich von angestaubten Traditionen verabschiedet und geht offen auf Menschen und ihre Bedürfnisse zu. Er organisiert Veranstaltungsformate, die in Kirchen eher selten anzutreffen sind. Er ist ein Facilitator, wie ich ihn an anderer Stelle beschrieben habe.

Selbst die an kirchlichen Leben sonst nicht besonders interessierte taz schrieb über Ihn:

Ein traditioneller Kirchenmann ist Hans Mörtter nicht. Der umtriebige Südstadt-Pfarrer pflegt in seinen Gottesdiensten in der Kölner Lutherkirche die offene Form. Statt Predigten zuzuhören, animiert er seine Gemeindemitglieder zum Gespräch, das meist ein nächstes nach sich zieht, etwa über die drohende Abschiebung einer Flüchtlingsfamilie aus ihrer Mitte, die Not der wachsenden Zahl von Obdachlosen oder die jüngste "Achse-des Bösen"-Tirade des "christlichen Gotteskämpfers" George W. Bush. Nicht wenige, die sich seit Jahrzehnten zur Gemeinde zählen, graust es vor Mörtters Liturgien. Andere nehmen sogar den Weg aus dem Bergischen auf sich, wenn, wie in diesem Herbst, mal wieder ein Tango-Gottesdienst auf dem Programm steht, bei dem hemmungslos getanzt, zugleich aber auch das Thema Folter nicht außen vor bleiben wird.


Ein solches Beispiel lässt sich nicht eins zu eins kopieren und auf andere Organisationen übertragen. Doch es lohnt sich, die Erfolgsfaktoren im Einzelnen anzuschauen und daraus zu lernen. Und es beweist. Gemeinschaftsbildung kann durchaus entgegen dem Trend funktionieren.