Ob Sport- oder Brauchtumsvereine, Parteien, Gewerkschaften, Kirchengemeinden oder lockere Initiativen – viele Organisationen erleben derzeit einen Rückgang ihrer Mitgliederzahlen und eine Ansteigen des Durchschnittsalters ihrer Mitglieder. Neue und junge Mitglieder sind eher knapp. Und auch Familien entwickeln sich oft zu Kleinsteinheiten, was die Zunahme der Alleinerziehenden zeigt. Herkömmliche Beziehungsstrukturen zerbröckeln.
Wie kommt das? Wir leben in einem Zeitalter der Individualisierung hören und lesen wir häufig. Die Bindung an eher traditionelle Organisationen nimmt ab. Warum ist das so? Was bedeutet das? Und ist das überall so?
Warum ist das so? Dafür gibt es viele Erklärungen.
Die Menschen sind flexibler geworden. Räumlich, aber auch geistig. Die Bindung an den Ort, an dem man aufgewachsen ist, sinkt. Häufige private und berufliche Veränderungen sind Gründe dafür. Geboren in A, aufgewachsen und Schulbesuch in B, zur Ausbildung oder zum Studium nach C, erster Job in D, mit dem Partner nach E gezogen und später noch mal nach F. Solche räumlichen Veränderungen sind heute keine Seltenheit. Und auch die geistige Flexibilität hat zugenommen. Themen, die mich vor Jahren interessierten, interessieren mich heute nicht mehr, dafür vielleicht andere. Durch diese Wechsel sind Bindungen an Organisationen, in denen ich mit anderen Menschen meine Interessen teilen kann, geringer geworden. Denn Gemeinschaftsbildung, Vertrautheit unter Menschen herzustellen, benötigt immer Zeit.
Und es kommt etwas ganz Wichtiges hinzu: Das
Zeitalter der Individualisierung hat auch etwas mit dem Wunsch nach Freiheit
und Selbstverwirklichung zu tun. Viele Menschen möchten sich aus alten
Abhängigkeiten und Verstrickungen lösen oder haben dies schon getan. Dieser
Prozess war nicht immer einfach und schmerzfrei. Und so besteht kein großes
Interesse an neuen Abhängigkeiten und Verstrickungen. Auch nicht an solchen in
Vereinen und Initiativen. Und darum werden auch persönliche Beziehungen
unverbindlicher. Dies mag man bedauern, was aber nichts an der Situation
ändert.
Viele Menschen beklagen in diesem Zusammenhang der
Verlust an Werten und Tugenden in der Gesellschaft. Man muss allerdings sehr
genau hinschauen, wer sich da beklagt und welche Interessen dabei im
Hintergrund eine Rolle spielen. Der beklagte Verlust an Werten kommt nicht von
ungefähr. Mit Werten und Tugenden wurde lange Zeit allerlei Missbrauch
getrieben. Sie dienten vorrangig der Durchsetzung zunächst religiöser, dann
politischer und sozialer Machtinteressen – in Familien, Schulen, Kirchen,
Vereinen und Betrieben wurden viele Menschen mit Werten und Tugenden
indoktriniert, deren Propagandisten sich allzu oft als Heuchler entlarvten. Für
den modernen, freiheitssuchenden Menschen bedeuteten sie somit eher Anpassung,
Konformität, Selbstaufgabe und Manipulation. Und von jenen, die heutzutage in
der Gesellschaft Werte und Tugenden verlangen, werden immer wieder etliche
aufgrund ihrer eigenen Handlungen der Scheinheiligkeit überführt.
Gleichzeitig haben viele Menschen den Wunsch
nach Nähe und Gemeinschaft, nach Akzeptanz und Angenommensein. Das Motto dabei
lautet: „Sei mir nahe, aber mit Distanz.“ Öffentliche Gemeinschaftserlebnisse –
Events – und die wachsende Anzahl von Freizeitdienstleistern sollen dieses
Bedürfnis erfüllen. Was vermutlich nicht immer gelingt. Viele bleiben einsam
unter Vielen.Was bedeutet das?
Für die oben erwähnten Organisationen hat dies mehrere Konsequenzen. Die Mitgliederzahl sinkt. Das hat für viele Organisationen durchaus ganz praktische existenzielle Folgen. So müssen z.B. die entstehenden Kosten auf immer weniger Mitglieder verteilt werden, die Mitgliedsbeiträge steigen, was zu Austritten auch bei den langjährigen Mitgliedern führt. Aus diesem Grunde haben sich schon etliche Vereine aufgelöst.
Das Ansteigen des Durchschnittsalters der Mitglieder und der Mangel an jungen und neuen Mitgliedern lässt Organisationen häufig „im eigenen Saft schmoren“. Es fehlt die Erneuerung, es fehlen frische Ideen und Menschen, die diese umsetzen. Was zusätzlich dazu führt, dass diese Organisationen für junge und neue Mitglieder unattraktiv sind.
Ist das überall so?
Nein. Es gibt, auch im traditionellen Bereich von Sport- oder Brauchtumsvereinen, von Kirchengemeinden oder sonstigen Initiativen, Ausnahmen. Was machen die anders? Warum sind sie erfolgreicher? Vorab. Es gibt kein Patentrezept. Jede Situation ist anders. Werfen wir mal den Blick auf einige mögliche Erfolgsfaktoren. Und auch auf Misserfolgsfaktoren.
Fangen wir mit den Misserfolgsfaktoren an und bleiben am Beispiel Vereine. Traditionell sorgten Vereinsstrukturen für Beteiligung und Gemeinsamkeit. Es gab Posten und Aufgaben, Verantwortung, Prestige und – Macht. Letztere kann ein gefährliches „Aphrodisiakum“ sein. Veranstaltungen aller Art, die Pflege gemeinsamer Brauchtumsinteressen, Sport, Feste, all dies hielt die Leute zusammen.
Schrebergärten
z.B. galten für junge Menschen lange Zeit als Spießeridylle. Doch seit einigen
Jahren erleben viele Vereine, die sich schon ihrem Ende entgegen dachten,
Zulauf gerade von jungen Menschen, insbesondere von Familien mit Kindern.
Überraschung! Wird nun alles gut? Die nächste Überraschung war: Sie
interessieren sich Null für das Vereinsleben. Vereinsstruktur, Pöstchen und
Verantwortung – das riecht nach Vereinsmeierei. Und Würstchen grillen mit
Fassbiertrinken sind auch nicht so ihre gewünschten Gemeinschaftserlebnisse.
Hier stoßen Milieus und Kulturen aufeinander. Die sich nicht kennen, die
vielleicht freundlich zueinander sind aber sich eigentlich nicht leiden können.
Sie können durchaus zueinander finden. Das braucht Zeit und ein paar
Instrumente.
Die
alte „Vereinsmeierei“ funktioniert also nicht. Das kann dazu führen, dass sie
trotz evt. steigender Mitgliederzahlen Ihre Vereinsstruktur „verschlanken“
müssen. So nennt man das in der Managementsprache. Das kann durchaus heilsam
sein. Vielleicht stellen sie fest, dass sie viele Funktionen gar nicht mehr
brauchen oder zusammen legen können. Dennoch werden einige Positionen auch in
Zukunft zu besetzen sein. Warten Sie damit nicht so lange, bis der komplette
Vereinsvorstand jenseits der Achtzig ist.
Was
auch nicht funktioniert, sind Appelle an das Pflichtgefühl oder das subtile
Bereiten eines „schlechten Gewissens“. Das mag früher funktioniert haben. Heute
können sie das vergessen.
Kommen
wir zu den Erfolgsfaktoren. Ein Klima gegenseitiger Akzeptanz und Wertschätzung
lässt Menschen aus unterschiedlichen Milieus Wege zueinander finden. Doch dies
lässt sich nicht einfach beschließen und noch weniger verordnen.
Begegnung
kann man organisieren. Begegnung schafft Verständnis füreinander. Spezielle
Treffen für Neumitglieder oder „Patenschaften“ können ein Weg sein. Ein wenig
Einfühlungsvermögen ist nötig. Wer den Neuen zuerst erzählt, was hier alles verboten
ist, wird sie schnell von hinten sehen. Ein „Kümmerer“, auch Facilitator
genannt, kann solche Aufgaben übernehmen. Jemand, der nicht in die
Vorstandsstrukturen eingebunden ist, eine positive Grundeinstellung den
Menschen gegenüber hat und es „gut mit allen kann“. Jemand der ein offenes Ohr
hat und Zwischentöne wahrnehmen kann. Der den Neuen hilft, sich vielleicht auch
aktiv im Verein zu engagieren. Jemand, der evt. auch Fähigkeiten in anderen
Menschen wecken kann. Lesen Sie hier mehr darüber: http://klaeren-und-loesen.blogspot.de/2013/03/wie-sie-menschen-in-gruppen-befahigen.html
Alte
Ehrenamtler und neue Freiwillige ticken anders. Die Alten tun viele Dinge aus
Tradition und einem gewissen Pflichtgefühl heraus. Die Neuen engagieren sich,
weil ihnen etwas Spaß macht. Sie engagieren sich eher projektbezogen und nicht
dauerhaft. Und haben meist kein Interesse an Pöstchen im Verein. Wer versucht,
sie zu vereinnahmen, sieht sie meist schneller wieder weglaufen, als er gucken
kann.
Die
alten „Ehrenamtler“ haben meist ihre Spielwiesen. Sie machen Dinge auf ihre
Weise und dies oft seit Jahrzehnten. Und wissen oft selbst nicht, warum. Die
Neuen gehen Dinge anders an. Das kann eine gute Chance für Innovation im Verein
sein, wenn man sie erkennt. Es kann aber auch eine Quelle für Streit und
Missverständnisse sein. Manchmal reicht es schon, wenn die Vereinspokale nach
dem Abstauben in der falschen Reihenfolge stehen. Lesen sie hier mehr darüber,
wie Sie ehrenamtliches Engagement stärken können: http://ideen-fuer-vereine.blogspot.de/2013/02/ehrenamtliches-engagement.html
So
können sie dann auch Leute gewinnen, die vielleicht mal bereits sind, eine
Vorstandsposition zu übernehmen.